mehr lesen.. Vielleicht befinden wir uns an der Schwelle des "Todes der Kunst", den Hegel schon prophezeit hatte, eines Stoffs, der von G.C. Argon in nicht zu ferner Zeit übernommen wurde. Wenn es aber etwas tatsächlich gibt, was dem Anschein nach irreversibel im Sterben liegt, scheint das nicht die Kunst an sich zu sein, sondern ihr besonderer Ausdruck, der Avantgarde benannt wird. Es gab zwar einmal die                                historische Avantgarde, diejenige, die die Tradition der Akademie bekämpft hat,                                diejenige, die darauf bestanden hat, durch eine Reihe von neuen Vorschlägen die                                Art und Weise, die Kunst zu konzipieren, radikal zu verändern. Alles hat irgendwie                                funktioniert, solange man nicht für die reine Lust am Erfinden erfunden hat, als ob                                das Neue definitionsgemäß immer besser wäre, als was schon existierte.                                Heutzutage ist alles und das Gegenteil von allem erfunden worden und es ist der                                Avantgarde nichts übrig geblieben, als das nachzuahmen, was sie in der                                Vergangenheit schon getan hatte. Auf diese Weise hat sie sich paradoxerweise                                auf die gleiche Stufe jener Akademie gestellt, von der sie sich drastisch                                unterscheiden wollte. Oder man versucht, die Kunst zu "dramatisieren", indem sie der Ausdrucksmotivation beraubt wird und sie immer mehr mit der  echten Wirklichkeit verwechselt  und vermischt wird, z. B. durch den Gerbrauch vom Ready-Made oder von Reproduktionsmitteln wie                                                     der Fotografie, der Kinematografie oder dem Fernsehen. Also eine                                                     Kunst, die scheint, eine Unkunst zu sein, die ausschließlich durch                                                     den Begriff, durch die Theorie, durch eine grundlegende These verfochten ist, ohne die man sicherlich                                                     keine Rechtfertigung hätte. Wie kann die Kunst wieder zur Illusion werden? Zweifellos auf jede Weise,                                                     aber stets mit einem einzigen Ziel: Sie muss ein individuelles oder kollektives Bedürfnis sein, etwas, was                                                     als notwendig empfunden wird. Sie muss eine physische und emotionale Beziehung zum Leben                                                     wiederherstellen, ohne die Kühle von übertriebener intellektueller Bedingtheit. Es gab eine Zeit der                                                     Kunst des 20. Jahrhunderts, in der man sich bestrebte, ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Kunst und Leben zu schaffen: der Primitivismus. Von Gauguin an hat der Primitivismus versucht, jede urtümliche Ausdruckskraft zurückzugewinnen, die die moderne Zivilisation verleugnete, als ob sie eine Erbe der Vergangenheit war. Zuerst haben die Künstler nach dieser urtümlichen Ausdruckskraft in den Bräuchen von fernen Völkern (den Polynesiern, den Afrikanern, den Etruskern, den alten Spaniern) oder in jenen unseres Mittelalters gesucht: dann hat man bei Jean Dubuffet bemerkt, dass es auch einen "inneren" Primitivismus gab, der sich ohne jegliche Bezüge auf vergangene oder exotische Dinge als vollkommen modern erwies. Das ist der Primitivismus, der bei Dubuffet "Art Brut" oder "Brutalismus" benannt wurde. Er offenbart sich nicht bei bestimmten Stämmen, sondern bei ungebildeten Menschen in besonderer psychischer Verfassung. Nicht zufällig ist  Dubuffet des Brutalismus in engem Kontakt mit Psychotikern bewusst geworden, indem er bemerkte, mit welcher außer den Gewohnheiten der (wenn auch am natürlichsten und am instinktivsten)  "kultivierten Kunst" eindrucksvollen Ausdrucksfähigkeit sie ausgestattet waren. Dubuffets Art  Brut hat den Primitivismus bis zum Extrem getrieben und einen neuen Aspekt der Kunst des 20. Jahrhunderts vorgeschlagen, der faszinierend aber auch beunruhigend ist: Man muss wie echte Wilde malen, als ob man nie ein anderes Kunstwerk gesehen hätte, als ob niemand uns das Malen beigebracht hätte.    Il Maestro Ugo Mainetti con lo storico dell’arte Vittorio Sgarbi